Alfred Kantorowicz

Alfred Kantorowicz, deutscher Jurist, Literaturwissenschaftler und Publizist jüdischer Herkunft, wandte sich als Journalist engagiert gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Darum musste er 1933 nach Frankreich fliehen und kämpfte von dort weiter gegen den Nazismus. Kantorowicz gehörte zu den Autoren des „Braunbuchs“, einer umfassenden Materialsammlung über den Terror gegen die Juden. Und nach dem Krieg zurück in der DDR kritisierte er auch dort das Regime und wurde daraufhin von der Stasi überwacht.

Alfred Kantorowicz wurde am 12. August 1899 in Berlin als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren. Nach dem Abitur meldete er sich freiwillig zum Militärdienst, wurde im Ersten Weltkrieg verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Danach studierte er Jura und Germanistik in Berlin, Freiburg und Erlangen. Seine Doktorarbeit schrieb er angesichts des wachsenden Antisemitismus über „völkerrechtliche Aspekte des Zionismus“. Nach Beendigung des Studiums beschloss er, Journalist zu werden und arbeitete zunächst in der Kulturredaktion der Westfälischen Neuesten Nachrichten, aber auch für andere liberale und linke Blätter. Ende der 1920er Jahre war er Kulturkorrespondent für die Vossische Zeitung und für den Ullstein-Verlag in Paris, als Nachfolger von ► Kurt Tucholsky und Vorgänger von Arthur Koestler. Und veröffentlichte Beiträge in der Literarischen Welt von ► Willy Haas oder in Die Tat.

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Obwohl er aus dem bürgerlichen Milieu stammte, trat er 1931 angesichts des Prozesses gegen ► Carl von Ossietzky in die KPD ein, seiner Meinung nach damals die einzige Partei, die kompromisslos gegen die stärker werdenden Nationalsozialisten vorging. Da wohnte er in der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz in Berlin-Wilmersdorf, zusammen mit dem Philosophen Ernst Bloch, dem „Barrikaden-Tauber“ Ernst Busch, mit ► Axel Eggebrecht, Walter Hasenclever, der Widerstandskämpferin Helene Jacobs oder dem Satiriker Erich Weinert. Sie alle wandten sich engagiert gegen die Nazis.

Gleich nach der Machtübernahme verließ Kantorowicz Deutschland. Er gehörte zu den ersten hundert von den Nazis Ausgebürgerten. Zusammen mit der Schauspielerin Frieda Ebenhoech ging er nach Paris. Die beiden heirateten im November 1940 in Marseille. Er publizierte Artikel und Essays in Exilblättern wie die aktion oder Unsere Zeit.

Der Kontakt zwischen den Emigranten war eng und intensiv. Sie gründeten einen Schutzverband deutscher Schriftsteller im Ausland, der aus dem Exil gegen die Hitlerei vorging. Am 10. Mai 1934, dem ersten Jahrestag der Bücherverbrennung, gründete Kantorowicz in Paris eine „Bibliothek der verbrannten Bücher“ – eine Freiheitsbibliothek mit bei Beginn schon 11.000 Büchern. Sie wurde von ► Alfred Kerr und ► Egon Erwin Kisch eröffnet – die Festrede hielt Heinrich Mann. Diese Bibliothek wurde nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris zerstört.

Damals versuchte die KPD-Führung, solche Exil-Aktivitäten für sich zu vereinnahmen und zu dominieren – was bei vielen KPD-Mitgliedern und Sympathisanten Unmut auslöste. Kantorowicz kolportierte dazu einen Kommentar von Heinrich Mann über Walter Ulbricht: „Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“

Zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs schloss sich Kantorowicz als Informationsoffizier den Internationalen Brigaden an und schrieb für die deutsche Ausgabe von Le Volontaire de la Liberté Beiträge über den Kriegsverlauf. Diese und andere Erlebnisse fasste er später in seinem „Spanischen Kriegstagebuch“ zusammen.

Den Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebten Kantorowicz und Frieda Ebenhoech an der französischen Mittelmeerküste. Nach der deutschen Kriegserklärung wurde er im September 1939 vorübergehend im Lager Les Milles interniert, als Staatenloser bald aber wieder freigelassen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde er im Mai 1940 erneut im Les Milles interniert und Frieda Ebenhoech kam ins Frauenlager Gurs. Aus einem Gefangenentransport konnte Kantorowicz nach Marseille fliehen und ein Einreisevisum nach Mexiko für sich und seine Frau erhalten. Im Februar 1941 gelang den beiden mit Hilfe des ERC Emergency Rescue Committee und ► Varian Fry ihre Ausreise im Laderaum eines Frachters über Martinique in die USA.

Kantorowicz durfte in New York bleiben und dort für die Auslandsnachrichten des Rundfunksenders CBS Columbia Broadcasting System arbeiten. Er hörte Feindsender ab, schrieb bald aber auch kurze Features für verschiedene Exilblätter und amerikanische Zeitschriften. Amerikanischer Staatsbürger zu werden lehnte er ab.

Nach Kriegsende kehrte das Ehepaar nach Deutschland zurück, in die sowjetische Besatzungszone. Dort trennte man sich, Kantorowicz trat 1947 in die SED ein und startete die literarische Zeitschrift Ost und West – mit dem Untertitel „Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit“. Darin trat man für publizistische Freiheit und für einen deutschen Dialog über die Grenzen hinweg ein. Das Blatt sollte Brücken zwischen Ost und West schlagen, für Verständigung und antifaschistische Aufklärung sorgen. Es wurde in allen Besatzungszonen verbreitet mit einer Auflage von bis zu 70.000 Exemplaren. In der Zeitschrift war über die Literatur des Widerstands zu lesen oder über Erfahrungen von einstigen Exilanten. Von dem Blatt wurden aber nur 30 Ausgaben gedruckt – schließlich wurde es auf Druck der Partei im Dezember 1949 eingestellt.

1950 erhielt Kantorowicz einen Lehrstuhl für neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität, zog sich von nun an aber zunehmend in eine Art innere Emigration zurück, weil der Konformationsdruck nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 rapide zunahm. Als dann die sowjetische Armee 1956 den Ungarn-Aufstand niederschlug und es in immer mehr Staaten des Warschauer Pakts zu stalinistischen Schauprozessen gegen Kritiker und Querdenker kam – vor allem gegen Emigranten, die in der Kriegszeit im Westen gelebt hatten – entschloss er sich am 22. August 1957 zur Flucht nach West-Berlin. Sein Kommentar dazu im Sender Freies Berlin: „Mit dem heutigen Tage habe ich den Machtbereich der Ulbrichtschen Gewaltherrschaft verlassen. Damit gebe ich preis meine Ämter als Professor mit Lehrstuhl für neueste deutsche Literatur, Direktor des Germanischen Instituts und Fachrichtungsleiter für Germanistik an der Humboldt-Universität, meine Arbeit als Direktor des Heinrich-Mann-Archivs und Verwalter des Nachlasses und Herausgeber des Gesamtwerks meines verehrungswürdigen Vorbilds Heinrich Mann ...“

Da war der Kalte Krieg in vollem Gange und so hielt man ihn in der Bundesrepublik auch weiter für einen Kommunisten und warf ihm vor, in der DDR schließlich privilegiert gewesen zu sein. 1960 erschien in DIE WELT eine Interview-Serie mit Kantorowicz und anderen ehemaligen DDR-Bürgern unter dem Titel „Wer drüben raus ist, ist auch hier raus.“ Erst sehr viel später wurde er rehabilitiert, nachdem er 1969 zu seinem 70. Geburtstag mit dem Thomas-Dehler-Preis des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen ausgezeichnet worden war. Da hatte man endlich begriffen, dass Alfred Kantorowicz ein mutiger Mann war, der sich stets dafür eingesetzt hat, was er für richtig hielt und darum sein Leben lang in Konflikt mit verschiedenen Diktaturen leben musste.

Alfred Kantorowics starb am 27. März 1979 in Hamburg und wurde dort auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.

 

(hhb)

 

Quellen

Kantorowicz, Alfred / Biographische Angaben aus dem Handbuch ‚Wer war wer in der DDR?‘ / Bundesstiftung Aufarbeitung

Alfred Kantorowics – 100 Köpfe der Demokratie / Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus

Alfred Kantorowics / SPIEGEL Politik 24.3.1964

Jutta Duhm-Heitzmann: 27.3.1979 – Todestag von Alfred Kantorowicz / WDR 23.3.2016

Klaus Körner: Alfred Kantorowicz – ein deutsches Schicksal / Berliner Lesezeichen 04/2000

 

Bücher

Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich – Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten / S. Fischer Verlag 1971

Alfred Kantorowicz: Spanisches Kriegstagebuch / 1948 - neu S. Fischer Verlag 1986

Alfred Kantorowicz: Deutsches Tagebuch- Erster Teil / Kindler Verlag 1959

Alfred Kantorowicz: Nachtbücher – Aufzeichnungen im französischen Exil 1935 bis 1939 / Wallstein Verlag 2005