Erich Schairer

Der deutsche Journalist, Publizist und Verleger Erich Schairer bekämpfte als überzeugter Demokrat die Nationalsozialisten energisch und trat Zeit seines Lebens für Presse- und Meinungsfreiheit ein. Während der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg leitete er als Chefredakteur oder Herausgeber verschiedene meist sozialliberale Zeitungen in Baden-Württemberg.

Erich Schairer wurde am 21. Oktober 1887 in Hemmingen bei Stuttgart als Sohn eines Gymnasiallehrers und einer Lehrerin geboren. Sein Vater war nebenberuflich Herausgeber der landwirtschaftlichen Beilage für die Eßlinger Zeitung. So konnte Erich schon als Neunjähriger eigene Aufsätze in der Zeitung veröffentlichen.

Zunächst aber besuchte er die Elementarschule, anschließend das Gymnasium in Esslingen und ab 1903 das Internat Seminar Blaubeuren. Danach studierte er Philosophie und Theologie in Tübingen. Ab 1909 war Schairer Vikar in mehreren Ortschaften, beschloss aber 1911, seine theologische Laufbahn zu beenden.

Nun arbeitete er als Journalist für den Reutlinger Generalanzeiger und als Privatsekretär für den liberalen Politiker Friedrich Naumann. Ab 1913 promovierte er nebenher über "Christian Daniel Friedrich Schubart als politischer Journalist“. Im Oktober 1914 war Schairer kurzzeitig Redakteur bei der Neuen Hamburger Zeitung, begann aber kurz darauf als Privatsekretär für den Publizisten Ernst Jäckh in Berlin tätig zu werden. Und leitete bald dessen Deutsch-Türkische Vereinigung, die die kulturellen und wirtschaftlichen Interessen beider Länder fördern sollte.

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Der Student Erich Schairer in Tübingen 1906

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1918, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde Erich Schairer als Nachfolger von Jäckh und Theodor Heuss Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung. Weil Schairer darin im November 1919 angeblich linkes Gedankengut veröffentlichen wollte, kam es zum Krach zwischen ihm und dem Verleger Victor Kraemer jun. Kraemer hatte eine Glosse Schairers noch von der Druckplatte der Titelseite entfernen lassen. In dem Beitrag ging es um die Kritik an einem Vertreter der damals heftig diskutierten Dolchstoßlegende.

Schairer verließ die Heilbronner Neckar-Zeitung sofort und gründete im Jahr darauf die Heilbronner Sonntags-Zeitung als unabhängige linkssozialistische Wochenzeitung. Das Motto der Zeitung lautete: „Wir kämpfen gegen Kirchentum, Kapitalismus, Krieg und Gewaltherrschaft, für Geistesfreiheit, Gemeinwirtschaft, Gerechtigkeit und Frieden.“ Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war das Zeitungsdruckpapier kontingentiert und man musste dafür einen Bezugsschein bei der Wirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe in Berlin beantragen. Den Schairer auch erhielt. Kurz nachdem die erste Ausgabe seiner Sonntags-Zeitung erschienen war, erhielt er von dort einen Brief mit dem Hinweis, dass für seine Zeitung kein Druckpapier freigegeben sei; die Herausgabe verstoße daher gegen das Gesetz und müsse strafrechtlich verfolgt werden. Daraufhin schickte er einen Hinweis mit der ihm vorliegenden Bewilligung zurück.

Und erhielt diese Antwort aus Berlin: „Wie die auf Grund Ihrer gefl. Mitteilungen vorgenommenen Nachprüfungen ergaben, ist Ihnen allerdings von der für Zeitschriften zuständigen Abteilung der Wirtschaftsstelle ein Bezugsrecht auf vierteljährlich 650 Kilogramm Druckpapier zur Herausgabe einer Sonntags-Zeitung freigegeben worden. Unter der Bezeichnung ‚Sonntags-Zeitung‘ wird von uns eine Zeitschrift religiöser oder wenigstens unterhaltender Tendenz verstanden, nicht aber ein Blatt, das, wie das Ihrige, zwar nur wöchentlich erscheint, aber politische und Tagesereignisse behandelt und deshalb den Charakter einer Tageszeitung hat. Wir wollen nicht die Feststellung unterlassen, daß Ihnen das Bezugsrecht zur Herausgabe dieser Zeitung niemals gewährt worden wäre, wenn Sie uns den wirklichen Charakter Ihres Blattes näher ausgeführt hätten.“ So viel zur damaligen Presse(un)freiheit, von der ein so engagiertes wie kritisches, aber als Opposition empfundenes Medium wohl allzu gern unterdrückt worden wäre. Die Papierbewirtschaftung wurde kurz darauf aufgehoben.

Sein Blatt entwickelte sich in den Jahren darauf zu einer der bedeutendsten Wochenzeitungen in Deutschland. Schairer hatte sie bereits Ende 1920 in Süddeutsche Sonntags-Zeitung unbenannt und brachte sie ab November 1922 dann als Sonntags-Zeitung auf den Markt, schon weil zwei Drittel der Auflage in Norddeutschland verkauft wurden. Denn die Sonntags-Zeitung begleitete und verstärkte die Aufbruchsstimmung und den Pioniergeist in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

1933 geriet auch Schairer mit den NS-Machthabern in Konflikt, schon weil er in den Jahren zuvor ihr Emporkommen bekämpft hatte. Einst hatte er in der Sonntags-Zeitung etwa einen Auftritt Hitlers so beschrieben: „Herr Hitler redet und redet, wo man es ihm nur erlaubt. Neulich hat er auch in Stuttgart geredet. Zwei und eine halbe Stunde. Ach, war das ein Geseires! Wie der Mann zu seinem Ansehen gekommen ist, möchte ich auch wissen! Er hatte sich zur nötigen Dekoration malerische Gruppen aus dem ganzen Württemberger Ländle kommen lassen, selbst aus Bayern und Baden waren sie mit ihren neckischen Hakenkreuzfähnchen angerückt. War ein Mordsklamauk. Es ist ja so wenig, was Kinder freut! Als der große Adolf das Podium bestieg, brach die ganze Korona in ein Geheul aus, das ihrer arischen Abstammung alle Ehre machte. So also sieht eine Mussolinikopie aus! Ein in die Politik verirrter Friseur stand da oben und mühte sich, so gut es ging, Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen. Gott, was muß der Mann alles zusammengelesen haben, bis sich dieser semmelblonde Brei ergeben hat!“

Im März 1933 wurde die Sonntags-Zeitung vorübergehend verboten. Im August 1934 wurde ihm als Herausgeber ein linientreuer Chefredakteur aufgezwungen. Zwei Jahre später musste er diesem NSDAP-Mitglied auch die Verlagsleitung überlassen. 1937 erhielt Schairer Berufs- und Schreibverbot und musste den Verlag verkaufen. In der Nazi-Zeit schlug er sich als Weinverkäufer durch, bis er 1943 als Reichsbahngehilfe verpflichtet wurde.

Nach Kriegsende wurde Erich Schairer im Januar 1946 Chefredakteur beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen. Sofort setzte er sich für den Wiederaufbau ein, moralisch, politisch und materiell. Und schreibt dazu: „Wehe uns, wenn das Jahrtausend des Herrn Hitler länger als zwölf Jahre gedauert hätte.“ Im September 1946 wurde er Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung. Das blieb er bis Ende 1954.

Mit seinen Gewinnen von der Stuttgarter Zeitung gründete er ein Journalisten-Hilfswerk.

Erich Schairer starb am 3. August 1956 im Alter von 68 Jahren im Schorndorfer Krankenhaus.

(hhb)

 

Quellen:

Erich Schairer Warum Sonntags-Zeitung?

Kurt Oesterle: Porträt des Zeitungsmann Erich Schairer

 

Bücher:

Uwe Jacobi: Heilbronner Pressegeschichte - in Gerhard Schwinghammer (Hrsg.) Heilbronn und Hans Franke. Publizist, Dichter und Kritiker 1893-1964 / Verlag Heilbronner Stimme 1989