Siegfried Kracauer

Der vielseitig gebildete Feuilletonredakteur, Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer hatte Architektur, Philosophie und Soziologie studiert. Nach dem Ersten Weltkrieg war er zunächst freier Mitarbeiter und Lokalreporter, kurz darauf dann Redakteur bei der Frankfurter Zeitung und lernte in dieser Zeit die führenden Männer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung kennen. Er arbeitete überwiegend fürs Feuilleton der FZ, bis er als Jude 1933 aus Deutschland fliehen musste.

Siegfried Kracauer wurde am 8. Februar 1889 in Frankfurt am Main als einziges Kind einer assimilierten kleinbürgerlichen Familie geboren. Dort besuchte er die Realschule „Philanthropin“ der israelitischen Gemeinde, mit dem früh gesteckten Ziel, später Schriftsteller oder Philosoph zu werden. Was seine Eltern allerdings für „brotlose Künste“ hielten. Darum studierte er von 1907 bis 1913 in Darmstadt, Berlin und München Architektur, besuchte aber nebenher Vorlesungen in Philosophie und Soziologie. Schon in seiner Studentenzeit schrieb er gelegentlich Artikel für die Frankfurter Zeitung. Nach seinem Studium – im Juli 1914 wurde er in München zum Dr.-Ing. promoviert – arbeitete er ab 1915 bis zu seiner Einberufung im Jahr 1917 für den Frankfurter Architekten Max Seckbach, der für seine Synagogen-Bauten bekannt war.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er ziemlich desillusioniert nach Frankfurt zurück und arbeitete ab 1921 für die Frankfurter Zeitung, zunächst freiberuflich als Lokalreporter, bald aber als fest angestellter Redakteur fürs Feuilleton, das ► Rudolf Geck damals leitete. In dieser Zeit kam Kracauer über das Institut für Sozialforschung mit Karl Mannheim, Erich Fromm und Max Horkheimer in Kontakt und schloss enge Freundschaft mit dem damals 18jährigen Theodor Adorno. Als ► Benno Reifenberg ab 1924 das Feuilleton der FZ verantwortete, übertrug er Kracauer das Filmressort. Durch seine soziologischen und ästhetisch geprägten Filmkritiken wurde er schnell zu einem viel beachteten Analytiker der Phänomene in dieser modernen Massenkultur.

 

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1930 wechselte er als Feuilleton-Korrespondent der FZ nach Berlin und schrieb ebenso scharfsinnige wie pointierte Beobachtungen über das Leben im Berliner Alltag, meist unter seinem Pseudonym „raca“. Er erstellte gesellschaftliche Analysen von Spielfilmen und veröffentlichte sie als Essays oder als Kritiken. In seinen Artikeln analysierte Kracauer auch die Stimmungen der Bevölkerung in jenen Jahren vor der Machtübernahme. Darin machte er deutlich, dass gerade die Angestellten der unteren Mittelklasse für den Nazismus besonders ansprechbar waren. Seine Sozialstudie „Die Angestellten“ wurde von Dezember 1929 bis Januar 1930 in 12 Folgen von der FZ gedruckt und löste begeisterte Reaktionen aus. Kracauer kritisierte damals alle Variationen des Totalitarismus, den Faschismus genauso wie den Stalinismus in der Sowjetunion.

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, den er noch für die FZ beschrieb, floh Kracauer, gewarnt von seinem Verleger Heinrich Simon, mit seiner Frau Lili nach Paris, wo er als FZ-Korrespondent eigentlich weiter beschäftigt werden sollte. Seine Rezension des Romans „La condition humaine“ von André Malraux für die Exil-Zeitschrift Das Neue Tage-Buch führte im Frühjahr 1933 aber zur Kündigung seitens der FZ. So verfasste er ab 1934 eine Biographie über den Komponisten Jacques Offenbach, arbeitete aber auch weiter journalistisch – meist unter Pseudonym – für L’Europe Nouvelle, für die Neue Zürcher Zeitung oder die National-Zeitung in Basel. Im Auftrag von Adorno, der inzwischen nach England emigriert war, veröffentlichte er eine Studie über die Propaganda des NS-Staates: „Masse und Propaganda“.

Nach dem Überfall auf Polen gelang es dem Ehepaar Kracauer, mit Hilfe des Emergency Rescue Committee via Lissabon in die USA zu emigrieren. Dort arbeitete er von 1941 bis 1943 als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Film Library des Museums of Modern Art in New York. Damals entstanden seine filmsoziologischen Hauptwerke „From Caligari to Hitler“ und „Theory of Film“. In den USA konnte Kracauer auch seine Arbeit als Filmkritiker fortsetzen, für die Zeitschrift New Movies.

In den 50er Jahren besuchte das Ehepaar Kracauer mehrfach Europa auf Reisen, auch Deutschland. Eine Rückkehr in sein Heimatland kam für ihn aber nicht infrage – denn er traute den Deutschen nicht mehr, die seine geliebte Mutter 1942 im KZ Theresienstadt ermordet hatten. In den USA forschte er als Soziologe in verschiedenen New Yorker Instituten sowie an der Columbia University.

Siegfried Kracauer starb am 26. November 1966 in New York an den Folgen einer Lungenentzündung.

(hhb)

 

Quellen:

Kracauer, Siegfried: Frankfurter Personenlexikon

Tobias Lehmkuhl: Kracauer als einsamer Gesellschaftskritiker / Deutschlandfunk, 4.12.2016

Sabine Biebl: Kracauer, Siegfried

Themenportal Europäische Geschichte: Siegfried Kracauer – Zur Entwicklung der professionellen Filmkritik in der Weimarer Republik

 

Bücher:

Siegfried Kracauer: Die Angestellten / Suhrkamp Verlag, 1930

Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit.

Amsterdam: Allert de Lange 1937

Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler – eine psychologische Geschichte des deutschen Films / Suhrkamp Verlag, 1947

Siegfried Kracauer: Theorie des Films / Suhrkamp Verlag, 1960

Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie / Suhrkamp, 2017

Günther Gillessen: Auf verlorenem Posten / Siedler Verlag