Fritz Benscher

Der Holocaust-Überlebende Fritz Benscher blieb nach Kriegsende in Deutschland und wurde beim Bayerischen Rundfunk zum Radio-Star. Ende der 50er Jahre wechselte er zum BR-Fernsehen und war dort bald ein überaus beliebter Nachrichtensprecher, Moderator, Conferencier, Entertainer und Quizmaster.

Fritz Benscher wurde am 13. November 1904 als Sohn einer Kaufmannsfamilie jüdischen Glaubens in Hamburg geboren. Eigentlich sollte er die Ledergroßhandlung seines Vaters übernehmen – ihn aber zog es zum Theater. Er begann als Statist am Oldenburger Landestheater und bekam bald auch Auftritte in Hamburg und Berlin.

1925 begann er als Sprecher beim jungen Medium Radio, bei der NORAG Nordische Rundfunk Aktiengesellschaft. Dort im Sender und weiterhin durch viele Bühnenauftritte entwickelte er sich zu einem Allrounder, der mit Spaß und Engagement Hörspiele fürs Radio entwickelte und inszenierte, aber auch als Schauspieler, Kabarettist und Conferencier peu à peu Anerkennung fand.

Nach der NS-Machtergreifung erhielt er 1934 Berufsverbot und begann für den Jüdischen Kulturbund in Hamburg tätig zu werden. Nachdem sein Versuch in die USA auszuwandern scheiterte, machte er eine Tischlerlehre und arbeitete als Sargtischler für die jüdische Gemeinde. 1943 wurde Benscher ins KZ Theresienstadt deportiert, von dort dann 1944 nach Auschwitz und 1945 schließlich ins KZ Dachau, wo er am 1. Mai 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Seine Leidenszeit nach 1933 umschrieb Benscher später so: „Leider hatte der ‚Führer‘ keine großen Sympathien für mich.“

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Copyright: BR, Unternehmensarchiv, Fred Lindinger

In München wurde er Oberspielleiter beim amerikanischen Militärsender Radio München – dem Vorläufer des Bayerischen Rundfunks – und setzte sich sofort für die Reeducation ein. Benscher redete stets Klartext und informierte seine Hörer mit bissigem Witz über die jeweils aktuelle Situation in Bayern (z.B. in BR Retro die Radio-Glosse ► Kuh A und Kuh B

Natürlich informierte er auch über die Verbrechen der Nationalsozialisten. Legendär wurde seine Radiosendung „Nie wieder Krieg. Eine Hörfolge um den Weltfrieden“, die von 1946 bis 1947 ausgestrahlt wurde, aber von den US-Besatzungsmächten mit Blick auf den sich abzeichnenden Kalten Krieg und die erwünschte Wiederaufrüstung Westdeutschlands abgesetzt wurde. Für BR Radio konzipierte und produzierte er zahlreiche Unterhaltungssendungen wie „Nimm’s Gas weg“ – später „Gute Fahrt“ – die erste Rundfunksendung für Autofahrer.

Niemals scheute er Konfrontationen, wann immer er sie für richtig hielt. Darum wurde er wiederholt mit Redeverbot oder anderen Sanktionen belegt. Vor allem konservative Politiker, katholische Würdenträger und alte Nazis nahmen oft Anstoß an seinen Beiträgen, etwa über seinen Kampf gegen die Wiederbewaffnung oder eine atomare Aufrüstung, wie überhaupt gegen jeglichen Militarismus. Die Mehrzahl seiner Hörer aber schätzte das Engagement dieses jüdischen Hanseaten in Bayern, seinen Humor und sein Eintreten für Kriegsdienstverweigerung oder gegen wieder zu viel Marschmusik im Radio. Worauf ihn damals die rechtsradikale Deutsche Soldatenzeitung verklagte – ein Prozess, den er gewann.

Seinen Hund hatte Benscher Führer getauft. Bei Spaziergängen verblüffte er Passanten durch Kommandos wie „Führer sitz!“ oder „Führer, bei Fuß!“

In den 50er Jahren setzte er dann seine Karriere beim Bayerischen Fernsehen fort und produzierte dort seine humorvollen Benschereien“.

Die Liste seiner Hörspiele als Regisseur, Dramaturg und/oder Sprecher umfasst weit mehr als 100 Produktionen. Ab 1949 spielte er außerdem in mehr als 20 Kino- und Fernsehfilmen mit. Über Bayern hinaus wurde er als schlagfertiger Quizmaster mit seiner halbstündigen Vorabendsendung „Tick-Tack-Quiz“ bekannt, die von 1957 bis 1968 gesendet wurde, und die er  mit geistreichen Kommentaren und spontanen Gags begleitete. Sie erreichte hohe Einschaltquoten und wurde darum ab 1964 ins ARD-Hauptprogramm übernommen.

Fritz Benscher starb am 10. März 1970 im Alter von 65 Jahren in München nach einem Herzinfarkt. Er wurde auf dem Münchner Nordfriedhof beigesetzt.

„Mein Gott dieser Benscher, mit dem habe ich so viele gute Sachen erlebt!" Mit diesem Ausruf erinnerte sich der Münchener Kabarettist ► Dieter Hildebrandt an seinen Kollegen und zeitweiligen Mentor Fritz Benscher.

 

(hhb)

 

Quellen

Bettina Hasselbring: Fritz Benscher - Der Allroundkünstler als Publikumsliebling / BR Historisches Archiv 20.11.2023

Bettina Hasselbring: Radio München – ein Sender der amerikanischen Militärregierung: Clearing und Reeduction / BR wer wir sind 15.9.2023

Michael Hollenbach: Fritz Benscher – ein fast vergessener Entertainer / Deutschlandfunk Kultur am 10.3.2017

Frank Keil: Quizshow und Gedenken / Jüdische Allgemeine vom 19.4.2017

Fritz Benscher: Rundfunkstar der ersten Stunde / Hamburg Journal 14.5.2017

 

 

Bücher

Beate Meyer: Fritz Benscher / Wallstein Verlag Göttingen, 2017

Beate Meyer: Fritz Benscher / Google-Books -Leseprobe

Frank Trentmann: Aufbruch des Gewissens – eine Geschichte der Deutschen von 1942 bis heute (Seite 259) / S. Fischer Verlag 2023