Berthold Jacob wurde am 12. Dezember 1898 als Berthold Jacob Salomon in Berlin geboren. Er war Journalist und radikaler Pazifist. Über seine Entführung durch die Nazis gab es immer wieder skandalöse Falschmeldungen – doch der Reihe nach.
Berthold Jacob stammte als Sohn eines Antiquars aus einer bürgerlichen Familie jüdischen Glaubens. Ab 1914 absolvierte er eine kaufmännische Lehre und meldete sich anschließend 1917 freiwillig zum Militär. Durch seine Kriegserlebnisse an der Westfront wurde er zum überzeugten Pazifisten und radikalen Kritiker des bald wiedererwachenden deutschen Militarismus. Nach Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete er für die Berliner Volks-Zeitung, wo er Carl von Ossietzky begegnete, wie er ein überzeugter Pazifist und damals Redakteur bei der von Theodor Wolff nebenher geführten Volks-Zeitung des Mosse-Verlags.
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Jacob schrieb vor allem über militärpolitische Themen, die auch von anderen Blättern nachgefragt und veröffentlicht wurden: etwa von Das Andere Deutschland oder in der Warte für Menschenrechte. Unter verschiedenen Pseudonymen verfasste er zudem zahlreiche Artikel für Die Weltbühne.
Jacob gehörte zu den investigativen Journalisten und deckte durch seine peniblen Recherchen immer wieder Versuche der Reichswehr auf, die Bestimmungen des Versailler Vertrags zu umgehen. Wegen solcher Enthüllungen musste Hans von Seeckt, damals Chef der Obersten Heeresleitung, 1926 zurücktreten. Weiterhin deckte er in Das Andere Deutschland das System der sogenannten „Zeitfreiwilligen“ in der Reichswehr auf: Das waren kurzfristig zu Militär-Übungen eingezogene Männer, die in keiner Statistik auftauchten. Obwohl laut Artikel 163 des Versailler Friedensvertrags Deutschland nur 100.000 Soldaten in der Reichswehr unter Waffen halten durfte. 1928, im so genannten Ponton-Prozess, wurden Berthold Jacob und sein Herausgeber Fritz Küster wegen „publizistischen Landesverrats“ zu jeweils neun Monaten Festungshaft verurteilt. Im Anderen Deutschland hatte Jacob über einen Manöver-Unfall solcher Zeitfreiwilliger berichtet, bei dem 80 Soldaten in der Weser ertranken. Die Headline lautete: „Das Zeitfreiwilligengrab in der Weser“. Das Urteil wurde zu einer Art Präzedenzfall für die Verurteilung von Carl von Ossietzky im Weltbühne-Prozess 1931.
Über Jacobs akribische Recherchen urteilte der Berliner Journalist Walter Kiaulehn rückblickend: „Er war ein wahrer Sherlock Holmes der Journalistik und arbeitete ständig an Tabellen und Karten, deren Vervollkommnung ihm alle Geheimnisse seiner Feinde entschleierte. Mit dem Zirkel rechnete er die Schlupfwinkel des fememörderischen Verschwörertums aus und markierte mit Fähnchen auf seinen Karten die Standorte der Schwarzen Reichswehr. Die Ranglisten der deutschen Armee waren seine Kopfkissenlektüre, und die Familienanzeigen aus den Garnisonsstädten waren seine schönsten Informationsquellen.“
In den 20er Jahren, während der Weimarer Republik, enthüllte Jacob immer wieder Einzelheiten und Geschehnisse über die geheimen Vorbereitungen Deutschlands für einen Revanche-Krieg. Jacob war Mitglied im Friedensbund der Kriegsteilnehmer, in der Deutschen Liga für Menschenrechte und in der Deutschen Friedensgesellschaft. 1928 trat er in die SPD ein, wechselte aber 1931 zur SAPD Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, nicht zu verwechseln mit der NSDAP.
1932 emigrierte Jacob nach Straßburg in Frankreich, um einer absehbaren Verhaftung durch die Nazis zu entgehen. Dort gründete er einen unabhängigen Pressedienst, mit Schwerpunkt von Informationen über die militärischen Planungen der Nationalsozialisten. Für die Nazis wurde er zu einem permanenten Ärgernis – sie hatten Jacob bereits im August 1933 auf die erste Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs gesetzt, wohl auch in der Hoffnung, ihn damit mundtot zu machen. Weit gefehlt: Neben seinem Pressedienst schrieb er in Straßburg regelmäßig für Zeitungen wie die Straßburger Neuesten Nachrichten oder La République. Er organisierte, zusammen mit Kurt Grossmann, dem ehemaligen Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, die erfolgreiche Nobelpreis-Kampagne für Carl von Ossietzky.
1935 wurde Jacob von einem Kollegen auf Schweizer Boden gekidnappt: Am Samstagabend des 9. März 1935 trifft sich Berthold Jacob mit dem früheren Berliner Journalisten Hans Wesemann, der einst für sozialdemokratische Zeitungen tätig war, in Kleinbasel nahe der Grenze zu Deutschland. Der ausgebürgerte und darum staatenlose Jacob hält Basel für einen sicheren Treffpunkt und reiste aus dem nahen Straßburg an. Er trifft seinen Ex-Kollegen Hans Wesemann in einem Restaurant. Wesemann, inzwischen wohl des Geldes wegen Nazispitzel, hatte ihm Zugang zu einem neuen Pass versprochen und so in eine Falle gelockt. „Den Pass müsse man noch in einer Baseler Privatwohnung abholen, schnell mit seinem Auto zu erreichen.“ Jacob, inzwischen wohl mit einem Betäubungsmittel sediert, willigt ein. Besagtes Auto mit Schweizer Kennzeichen rast auf die deutsche Grenze Kleinhüningen zu. Ein Schweizer Zollbeamter, der es kontrollieren will, muss sich mit einem Sprung in Sicherheit bringen. Jenseits der Grenze werden sie bereits erwartet. Jacob wird ins Berliner Gestapo-Gefängnis eingeliefert.
Aber für Nazi-Deutschland unerwartet scharf reagiert die Schweiz: In Ascona wird der Nazispitzel Wesemann verhaftet. Durch sein Verhör erhält man zahlreiche Einzelheiten über die Beteiligung hoher Gestapo-Offiziere und deren Namen. So konnte die Schweiz hörbar und in aller Öffentlichkeit gegen die eklatante Verletzung ihrer Hoheitsrechte protestieren. Dadurch drohte Deutschland erheblicher außenpolitischer Schaden – vor allem angesichts seiner andauernden Friedensbeteuerungen. Also wurde Berthold Jacob am 17. September 1935 wieder an die Schweizer Behörden übergeben. Die weisen ihn sofort nach Frankreich aus, wo er seine Arbeit fortsetzen konnte. Sein Kidnapper Hans Wesemann wurde im Mai 1936 in der Schweiz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Aus seinem umfangreichen Recherche-Material machte Berthold Jacob das Buch „Das neue deutsche Heer und seine Führer“. Mit genauen Details über Wehrkreiskommandos, Armeekorps und ihre Generäle – Stand 1936. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde er im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. Von dort emigrierte er im Juni 1940 nach der Besetzung Frankreichs über Marseille nach Spanien und weiter nach Portugal. Sein Ziel waren die USA – aber bevor er 1941 das Schiff dorthin betreten konnte, wurde er ein weiteres Mal verschleppt. Dieses Mal durch den NS-Sicherheitsdienst und ins Gestapo-Gefängnis Berlin-Alexanderplatz überführt. Dort verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Kurz vor seinem Tode wurde er ins Jüdische Krankenhaus Berlin eingeliefert, wo er am 26. Februar 1944 an Lungentuberkulose und Fleckfieber starb.
(hhb)
Wer war der Nazi-Agent und Kidnapper von Berthold Jacob?
„Hans Otto Wesemann, der erste Intendant der Deutschen Welle, war ein Gestapo-Agent und KGB-Spion.“
Dies jedenfalls behauptete der ehemalige SPIEGEL-Redakteur Peter-Ferdinand Koch in seinem Buch „Enttarnt – Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise“, das im April 2011 im österreichischen Ecovin-Verlag erschien. Nach dem Krieg, so Koch, sei Hans Otto Wesemann zudem noch vom KGB angeworben worden.
Das war allerdings eine Falschmeldung, für die es weder Fakten noch Beweise gab. Und die Koch hätte leicht durch genauere Recherche vermeiden können, denn er hatte schlicht zwei Namensvetter verwechselt.
1936 stand in Basel ein Dr. Hans Wesemann vor Gericht, am 27. Februar 1895 in Nienburg an der Weser geboren. Er hatte Germanistik in Freiburg studiert. Als Journalist schrieb er für den Vorwärts und andere sozialdemokratische Blätter im Berlin der 20er Jahre. Ein fiktives Interview mit Adolf Hitler beendete seine journalistische Karriere. 1933 setzte er sich via Paris nach London ab, wo er im Jahr darauf offenbar von der Gestapo angeworben wurde.
Dr. Hans Otto Wesemann wurde am 16. Februar 1903 in Frankfurt/Main geboren und studierte in München, Berlin und Halle Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Ab 1926 schrieb er für den Wirtschaftsdienst, eine monatlich erscheinende Zeitschrift für Wirtschaftspolitik. Ab 1936 war er Direktor im Berliner Reichs-Kraftwagen-Verband (nicht zu verwechseln mit dem NSKK Nationalsozialistischer Kraftfahrkorps), schrieb parallel dazu für die Frankfurter Zeitung und ab 1940 für den Wirtschaftsteil der Zeitschrift Das Reich. Nach dem Krieg war er ab 1946 für den von den Franzosen lizensierten Berliner Kurier tätig. Von 1949 bis 1953 wurde er Leiter der Wirtschaftsredaktion beim NWDR in Köln und danach von 1961 bis 1967 der erste Intendant der Deutschen Welle. Die reagierte 2011 auf die angebliche „Enttarnung“ ihres früheren Intendanten merkwürdig reserviert: „Schon vor seiner Wahl zum Intendanten gab es Mutmaßungen, dass Wesemann in der NS-Zeit eine zweifelhafte Rolle gespielt habe“, sagte Johannes Hoffmann, der Pressesprecher des Senders.
Der Grund war die skandalöse Behauptung des Buchautors Peter-Ferdinand Koch, ungeprüft und an den Haaren herbeigezogen. Dennoch griffen mehrere Medien in Deutschland und in der Schweiz die Falschmeldung auf und verbreiteten sie weiter: etwa die FAZ und die Weltwoche.
Kommentar dazu am 14.4.2011 in der FAZ: „Bisher war kein fundierter Beleg für die Agententätigkeit Wesemanns überliefert, der von 1961 bis 1967 Intendant des deutschen Auslandssenders war. Der einstige Spiegel-Redakteur Koch erbringt ihn nun, befördert durch das Studium amerikanischer Geheimdienstakten.“
Die FAZ stellte die Sache später am 13. Oktober 2011 richtig:
Die Weltwoche veröffentlichte am 20.4.2011 ein großes Foto von Hans Otto Wesemann mit der Unterschrift: „Sein Wesen gleicht dem eines Ungeheuers: Journalist Wesemann 1963.“
Obwohl bald nach der Entführung von Jacob ein Überblickswerk über die Auslandstätigkeit von Hitlers Agenten in der Editions du Carrefour erschienen war: Das braune Netz. Darin ein ausführlicher Bericht über die „Jacob-Affäre“, mit einem Foto vom Entführer Hans Wesemann, das nun wirklich keine Ähnlichkeit mit Hans Otto Wesemann aufweist.
Trotzdem sprossen um Intendant Dr. Hans Otto Wesemann ab 1961 immer wieder Gerüchte, unmittelbar nach seiner Berufung zur Deutschen Welle: Er habe für die Gestapo gearbeitet. Wesemann wies die Gerüchte zurück und auf die Namensgleichheit mit einem anderen Journalisten hin, auf Hans Wesemann. Schon früher hätten sich Leute an ihn gewandt, etwa mit Forderungen, dessen Schulden zurückzuzahlen. Und nach Kriegsende habe er unter dieser Verwechslung gelitten, als sowohl die Amerikaner wie die Sowjets nach Nazi-Tätern fahndeten. Ihn aber aus oben beschriebenen Gründen unbehelligt ließen.
1972 hatte der Schweizer Autor Jost Nikolaus Willi eine 400seitige Darstellung der Vorgeschichte samt Entführung von Berthold Jacob mit zahlreichen Quellenangaben vorgelegt. Er konnte sich dabei auch auf Akten der Schweizer Behörden stützen. Und 2001 gab es eine Biographie über den Entführer Hans Wesemann aus der Feder des britischen Forscherpaars James und Patience Barnes – hätte man alles vorab lesen können.
Trotzdem beschuldigte der Journalist und Geheimdienstkenner Erich Schmidt-Eenboom den ehemaligen Intendanten Hans Otto Wesemann in seinem 1998 erschienenen Buch Undercover – Der BND und die deutschen Journalisten erneut, er sei der Entführer von Berthold Jacob gewesen. Neue Beweise legte er nicht vor.
Schmidt-Eenboom wie nach ihm Koch hatten die Lebensläufe der beiden „Wesemänner“ schlicht und einfach vermischt und auf diese Weise handfeste Fake-News kreiert: So behauptet Koch, Hans Otto Wesemann habe die Haftstrafe in der Schweiz nicht absitzen müssen. Er sei nach Venezuela abgeschoben worden und von dort nach Deutschland zurückgekehrt, „als brauner Leuchtturm, der nun gestählt in sein Drittes Reich heimkehrte, zum nationalsozialistischen Wirtschaftsführer berufen wurde und für den Wirtschaftsteil der Goebbels-Zeitung Das Reich Artikel verfasst habe.“
Der ehemalige Intendant Dr. Hans Otto Wesemann konnte sich gegen die Verleumdungen nicht mehr wehren, er war am 7. November 1976 in Bensberg gestorben.
Zu einem solchen Urteil kommt auch Anke Hagedorn in ihrem Artikel „Der doppelte Wesemann oder wie der erste Intendant der Deutschen Welle zum Gestapo-Spion erklärt wurde“, in
http://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_2012_1-2.pdf
ab Seite 23.
(hhb)