Am 11. Oktober beginnt die Hamburger Woche der Pressefreiheit, eine Initiative der Körber-Stiftung und der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, getragen von 60 Partner:innen. Bis zum 17. Oktober finden in der ganzen Stadt über 80 kostenfreie Veranstaltungen statt - u.a. offene Redaktionen, Faktencheck-Workshops, Journalisten-Gespräche und vieles mehr. Das ganze Programm: www.pressefreiheit.hamburg
Die Bildungsinitiative SPREUWEIZEN vermittelt Medien, Journalismus und Politik praktisch und spielerisch im Unterricht, Seminarraum oder auf dem Podium – unterstützt von einem breiten Netzwerk aus engagierten Menschen. Bundesweit bildet die Bildungsinitiative für Nachrichtenkompetenz junge Erwachsene zu grundlegenden, aber auch kontroversen Themen des deutschen Mediensystems aus.
HdP: Sehen Sie in Deutschland die Pressefreiheit aktuell als gefährdet oder zumindest eingeschränkt an?
Miller: Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist Deutschland 2026 auf Platz 14 zurückgefallen. Hass, Bedrohungen und Diffamierungen, gerade im Netz, gehören für viele Medienschaffende inzwischen leider zum Alltag. Besonders bedenklich finde ich, dass journalistische Arbeit zunehmend gezielt unglaubwürdig gemacht wird – auch durch Angebote, die sich nicht an journalistische Standards wie den Pressekodex halten und zugleich eine klare politische Agenda verfolgen. Sie arbeiten mit Zuspitzungen und Desinformation und erreichen, verstärkt durch die Mechanismen sozialer Plattformen, immer mehr Menschen.
Wenn solche Kampagnen Redaktionen oder einzelne Journalist:innen treffen, werden nicht nur Recherchen diskreditiert, sondern auch ihre Arbeitsbedingungen erheblich erschwert. Und auch politisch wird die Bedrohung greifbar: Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist eine Partei stärkste Kraft geworden, die angekündigt hat, die Staatsverträge mit NDR und MDR zu kündigen.
Eve Mary Miller (Copyright Karla Schröder)
HdP: Worin sehen Sie für unsere freie Gesellschaft und Demokratie die größte Gefahr: in mangelnder Medienkompetenz der Mediennutzer oder in zunehmender Desinformation durch Soziale Medien?
Miller: Die größere Gefahr sehe ich in mangelnder Medienkompetenz – genauer gesagt: in fehlender Nachrichtenkompetenz. Desinformation wird es in sozialen Medien immer geben, und im Zeitalter generativer KI wird sie noch leichter herzustellen und zugleich schwerer zu erkennen sein. Entscheidend ist deshalb, ob Menschen in der Lage sind, solche Inhalte einzuordnen. Wer versteht, wie Redaktionen arbeiten, wie Nachrichten entstehen und woran sich verlässliche Quellen erkennen lassen, ist deutlich besser geschützt. Genau dort setzen wir mit unserer Bildungsinitiative SPREUWEIZEN an: Wir befähigen Menschen dazu, Informationen kritisch zu prüfen, eine zweite oder dritte Quelle heranzuziehen und journalistische Arbeitsweisen besser zu verstehen.
Gleichzeitig wollen wir Vertrauen in unabhängigen, qualitativ hochwertigen Journalismus stärken, denn er ist ein wichtiges Fundament einer demokratischen Öffentlichkeit. Nachrichtenkompetenz wirkt deshalb vorbeugend: Sie stärkt Menschen im Umgang mit Informationen, anstatt immer nur auf die nächste Falschmeldung reagieren zu müssen.
HdP: Was ist für Sie das Hauptmotiv, sich für die Woche der Pressefreiheit zu engagieren?
Miller: Wir wollen Journalismus und Pressefreiheit für Menschen jeden Alters erfahrbar und verständlich machen. Pressefreiheit bleibt für viele ein abstrakter Begriff, solange sie nicht erleben, was konkret dahintersteht. In unseren Workshops sprechen wir über Meinungsfreiheit, den Unterschied zwischen Fakten und Meinungen und darüber, wie beides in sozialen Medien sichtbar wird.
Damit das nicht theoretisch bleibt, arbeiten wir mit einem Gamification-Ansatz: Die Teilnehmenden schlüpfen in die Rolle von Journalist:innen und erleben, wie es ist, unter Druck zu recherchieren. In der TikTalkShow diskutieren sie live mit Journalist:innen über aktuelle Streitfragen wie ein Social-Media-Verbot oder die Einführung der Wehrpflicht. Und im Workshop „Wahr oder Falsch?“ lernen bereits Grundschüler:innen, wie Nachrichten entstehen. Was man selbst erlebt und verstanden hat, kann man auch besser einordnen.
HdP: Wie könnte Ihrer Meinung nach das Bewusstsein für den Wert der Pressefreiheit in der breiten Öffentlichkeit besser geschärft werden?
Miller: Das Bewusstsein für Pressefreiheit wächst dort, wo Menschen sie nicht nur abstrakt verstehen, sondern nachempfinden können. Genau darauf setzen wir in unseren Workshops. Dort berichten beispielsweise Exil-Journalist:innen persönlich davon, warum sie ihre Heimat verlassen mussten. Wenn Menschen hören, was es bedeutet, wegen journalistischer Arbeit bedroht, verfolgt oder zum Schweigen gebracht zu werden, entsteht eine ganz andere Form von Verständnis. Aus einem abstrakten Grundrecht wird eine persönliche Geschichte.
Und wer Quellen einordnen, Fakten von Meinungen unterscheiden und Informationen selbstständig überprüfen kann, fühlt sich der Informationsflut nicht ausgeliefert.Für die breite Öffentlichkeit braucht es deshalb mehr solcher Begegnungen und Bildungsangebote – in Schulen, für Eltern und Fachkräfte, aber auch im öffentlichen Raum und bei Anlässen wie der Woche der Pressefreiheit.
Zur Person
Eve Mary Miller ist Geschäftsleiterin der Bildungsinitiative SPREUWEIZEN, u.a. hält sie Kontakt zu den Schulen und organisiert die Workshops.