Welche Pressefreiheit?

Gedanken zum 20. Jahrestag der Ermordung Anna Politkowskajas – und zur Freiheit, die uns alle angeht. Von Peter Lewandowski, Vorstand Haus der Pressefreiheit e.V.

Ein Aufzug ist ein alltäglicher Ort. Man drückt einen Knopf, denkt an den Einkauf, an einen Anruf, an das, was noch zu erledigen ist. Am 7. Oktober 2006 wurde ein solcher Ort zu einem Tatort. Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen. Für die unabhängige Zeitung „Nowaja Gaseta“ hatte sie über Tschetschenien, Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch berichtet. Trotz Drohungen und Verfolgung arbeitete sie weiter.

Zwanzig Jahre später bleibt die Frage: Was ist ein journalistisches Leben wert?

Anna Politkowskaja, Mutter von zwei Kindern, Ilja und Vera, wurde 48 Jahre alt. Nach Hause kommen, weiterleben, alt werden – was jeder Mensch für sich erhoffen darf, wurde ihr gewaltsam genommen. Ihre journalistische Arbeit verdient Anerkennung. Dass sie dafür mit ihrem Leben bezahlte, darf niemals als Berufsrisiko hingenommen werden.

article picture

Die Bilanz dieser Jahre ist erschreckend. Die UNESCO verzeichnet für den Zeitraum 2006 bis 2025 weltweit mehr als 1.800 getötete Journalistinnen und Journalisten. Fast neun von zehn Fällen sind nach ihren Angaben juristisch nicht aufgeklärt. Reporter ohne Grenzen bewertet die Lage der Pressefreiheit 2026 in mehr als der Hälfte der 180 untersuchten Länder und Gebiete als schwierig oder sehr ernst.

Auch in Deutschland ist ungehinderte Berichterstattung keine Selbstverständlichkeit. Von April 2024 bis November 2025 registrierten die Behörden 818 politisch motivierte Straftaten gegen Medien, darunter 89 Gewaltdelikte und 101 Fälle in der Kategorie Nötigung oder Bedrohung. Diese Zahlen erfassen gemeldete Straftaten, nicht das gesamte Ausmaß alltäglicher Einschüchterung.

Zugleich wird um die Bedeutung von Pressefreiheit gestritten. Die AfD beruft sich auf Meinungsvielfalt, während sie etablierte Medien als „Systemmedien“ oder „Lügenpresse“ abwertet. In Sachsen-Anhalt will sie Rundfunkstaatsverträge kündigen und dem freien Sender Radio Corax die Förderung entziehen. Reporter ohne Grenzen sieht darin einen Angriff auf die Grundlagen eines unabhängigen, vielfältigen Mediensystems.

Seit dem 6. Oktober steht mit Tobias Rausch erstmals ein AfD-Politiker an der Spitze eines deutschen Landesparlaments. Er hat eine überparteiliche Amtsführung zugesagt. Sein Verhältnis zur Pressefreiheit verdient dennoch Aufmerksamkeit: In einer früheren Landtagsdebatte verteidigte er „Compact“ gegen staatliche Eingriffe. Auf die Frage nach der öffentlichen Anprangerung von Journalisten durch Parteifreunde erklärte er hingegen, wer ein „FCK AfD“-Profilbild verwende, müsse sich nicht wundern, auf einer Demonstration als voreingenommen „enttarnt“ zu werden.

Darin zeigt sich ein selektives Verständnis von Pressefreiheit. Journalistische Haltung und Arbeitsweise dürfen kritisiert werden. Der Anspruch auf Schutz und freie Berichterstattung hängt aber nicht davon ab, ob einer Partei die Person oder ihre Berichte gefallen.

Vielleicht erklären wir zu selten, um wessen Freiheit es eigentlich geht. Pressefreiheit ist weit mehr als die Freiheit der Medienbranche. Die Bürger haben ein Recht darauf, zu erfahren, was Mächtige lieber verbergen würden. Aufgabe der Medien ist es, sorgfältig zu recherchieren, verlässlich zu informieren und Missstände aufzudecken – auch wenn diejenigen, denen die Ergebnisse nicht passen, sie als „Fake News“ oder Lügen diffamieren. Pressefreiheit schafft die Voraussetzung für diese Arbeit. Sie ermöglicht es den Bürgern, sich ein eigenes Urteil zu bilden, Macht zu kontrollieren und Widerspruch zu erheben. Sie geht uns alle an. Pressefreiheit und Demokratie gehören zusammen wie beispielsweise ein Wiener Schnitzel und Kartoffelsalat oder wie Hamburg und der Michel.

Am 11. Oktober beginnt in Hamburg die Woche der Pressefreiheit. Sie bietet Gelegenheit, darüber zu sprechen – auch über unsere Fehler und unsere Verantwortung als Journalisten.

Anna Politkowskaja berichtete über Menschen, deren Leid sonst verborgen geblieben wäre. Ihr Tod erinnert uns daran: Wer eine journalistische Stimme zum Schweigen bringt, nimmt auch den Bürgern etwas. Die Möglichkeit, zu erfahren, was ist.

Peter Lewandowski ist Vorstand im Verein Haus der Pressefreiheit e.V., ist Journalist und war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber mehrerer Magazine und darüber hinaus systemischer Coach und Teamentwickler.